Gottesdienst am 3.Sonntag nach Trinitatis, 28.6.2020, Pastorin Martina Stecher

Begrüßung:
Der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.  Lk19,10 Sich verloren fühlen, verloren sein – viele Gründe können uns in dieses Gefühl führen, ich bin verloren, am Ende, ich schaffe es allein nicht. Genau da, da sucht uns Gott und findet uns auch und gibt, was wir brauchen, Hoffnung,Vergebung, Gnade, Lebensmut.  Amen

Lied: Gott gab uns Atem

Wir leben verstrickt in die Geschichten unserer Zeit und unseres Lebens, verstrickt in so vieles, was uns, unser Zusammenleben, diese Erde kaputt macht. Wir leben zu leise, um wirklich mutig zu sein. Zu laut, um weise zu handeln. Zu zögerlich, um entschieden zu sein Zu sehr mit uns selbst beschäftigt, um offen zu sein für den, der uns die Augen öffnet, offen zu sein für Gott. Aber Gott sucht uns, gibt uns nicht auf. Es heißt „Barmherzig und gnädig ist Gott, geduldig und von großer Güte.“  So anders als wir - Gott sei Dank.
Unser Leben ist echt ein Weg zwischen „Licht“ und „Dunkel“. Wir bitten dich, Gott, lass uns im Dunkel Licht ahnen, spüren, sehen. Hilf uns so leben, dass es für uns und für alle gut ist. Amen

Lesung Lukas 15,1-10

Liebe Gemeinde,
die Fronten sind verhärtet, seit fast einem Jahr haben sie nun schon nicht mehr miteinander gesprochen. Zwischen Mutter und Sohn herrscht Funkstille. Umso mehr Worte sind natürlich vorher gefallen. Harte Worte, verletzende. Alle drum herum verstehen es nicht: „Warum gehst du nicht den ersten Schritt. Das ist doch kein Zustand. Und sonst schreib doch, wenn ihr nicht reden könnt“. Aber beide machen komplett zu: „Warum soll ich…?!“
Streit in der Familie, das kommt wirklich in den besten Familien vor. Aber - keiner kann mir erzählen, dass es den Streitenden damit gut geht. Neben gegenseitigen Schuldzuweisungen rumort da doch im Hinterkopf auch die Frage an sich selbst: Und mein Anteil an diesem Konflikt? Mein Fehler, meine Schuld? Es kostet Kraft, das wegzudrücken. Streit kostet Kraft, so viel Kraft, macht krank, Kränkungen machen krank. Leider zieht so ein Konflikt meist noch viel größere Kreise, auch das Umfeld wird mithineingezogen, Familie, Freunde. Alle Beziehungen belastet, Gemeinschaft vergiftet, zerstört. Wer darf überhaupt noch mit wem reden…
Wenn die Fronten verhärtet sind, dann stecken alle fest, wie in einer Sackgasse, es geht nicht weiter. Im holländischen heißt Sackgasse doodlopende weg, totlaufender Weg, wie wahr! Und es gibt einen Punkt, da kann man gar nicht mehr sagen, wer letztendlich alles verursacht hat, wer denn nun schuld ist.
Aber, rückt nicht an diesem Punkt Schuld, die Schuldfrage sowieso in den Hintergrund? Geht es dann nicht darum: Wie kommen wir daraus? Überhaupt noch raus. Wie kommen wir wieder zueinander? Gibt es letztendlich eine gemeinsame Zukunft?
Streit - So oft, überall, immer wieder. Und die zurückliegenden Wochen haben ihr eigenes dazu getan! Wieso schaffen wir Menschen es nicht, in Frieden und gegenseitiger Achtung zu leben, und Familienstreit ist dabei ja fast noch das Geringste. Aber wenn es nicht im Kleinen klappt, wie soll es im Großen klappen? Ein Blick in die Zeitung reicht, ein Ohr für die Nachrichten, ich erspar uns eine Aufzählung, wissen tun wir alle, wo es falsch läuft, in Sackgassen hinein, doodlopende Weg!
Ist der Mensch, sind wir gar nicht fähig dazu oder nicht willens dazu, Auseinandersetzungen zu beenden, Schuld und Unrecht zu beenden? Ist das überhaupt eine Frage des Könnens oder Wollen? Oder sind wir dazu zu sehr verstrickt in Strukturen, die kaum noch jemand durchschaut. Hängen wir zu fest in Denk- und Verhaltensmustern, Traditionen, in denen wir großgeworden sind, die uns geprägt haben und bestimmen, bewusst, unbewusst, Erfahrungen, die wir gemacht haben? Leider sind uns die negativen oft präsenter!
Oder ist es so, dass zum Menschsein neben den guten Seiten, die jeder und jede von uns hat, unbestritten, eben auch die anderen gehören, gelebt werden: rechthaberisch sein, ungeduldig, feige, ängstlich, schadenfroh, missgünstig, selbstverliebt, über jede eigene Schuld erhaben…Wie die zwei Seiten einer Medaille eben. Welches zerstörerische Potential in einem jeden von uns wohnt, welche zerstörerischen Energien wir entwickeln können, wenn man uns an unsere Grenzen führt, uns in die Enge treibt oder angreift… ich weiß nicht, ob wir uns das vorstellen können! Oder vehement für sich selber abstreitet. Ich nicht! Was war in Stuttgart letzte Woche los. Und selbst die drastischen, erschütternden Bilder in den Nachrichten rütteln uns nicht wirklich wach. Ich kann ja doch nichts machen. Ich bin nicht daran schuld! Ist doch egal, nach mir die Sintflut.
(Hand) Man kann leicht auf die anderen zeigen, aber wenn man das macht, dann weisen drei Finger auf sich selbst!
Es gibt den Punkt, da kann man gar nicht mehr sagen, wer letztendlich alles verursacht hat, wer denn nun schuld ist. Da rückt die Schuldfrage in den Hintergrund und es geht nur noch darum, gibt es eine Zukunft?
Eine Zukunft, die sieht der Prophet Micha (Micha7, 18-20) bei Gott, er kann es wenden, er kann uns wenden.
„Wo sonst gibt es einen Gott wie dich? Allen, die von deinem Volk übriggeblieben sind, vergibst du ihre Schuld und gehst über ihre Verfehlungen hinweg. Du hältst nicht für immer an deinem Zorn fest; denn Güte und Liebe zu erweisen macht dir Freude. Du wirst mit uns Erbarmen haben und alle unsere Schuld wegschaffen; du wirst sie in das Meer werfen, dort, wo es am tiefsten ist. Den Nachkommen Abrahams und Jakobs wirst du mit Liebe und Treue begegnen, wie du es einst unseren Vorfahren mit einem Eid zugesagt hast.“
2700 Jahre alt sind diese Worte und man könnte fragen, was tragen diese Worte oder Ähnliche aus? Der Mensch hat sich nicht wirklich verändert! Reichtum auf Kosten anderer, Korruption, Streit, eine entsolidarisierte Gesellschaft, in der es kein Zusammen, kein Vertrauen mehr gibt, damals und heute doch genauso. Wobei die Folgen heute wesentlich zerstörender sind und die Existenz dieser Erde angreifen. Gibt es einen Weg da raus?
Ja, Micha sagt: Ja! Und Gott zeigt ihn auf! Güte, Liebe, Freude, Erbarmen, Treue sind Michas Worte, die diese Zukunft in sich tragen. „Du wirst mit uns Erbarmen haben und alle unsere Schuld wegschaffen!“, hofft, vertraut Micha. Am Ende, da wo nichts anderes mehr geht.
Sei mir Sünder gnädig! Das wäre die alte geprägte alte kirchliche Sprache, die vielen fremd klingt, die auch nicht jeder und jede so mitsprechen mag.  Aber ich finde, genau darum geht es.  „Bitte, Gott, überlass uns nicht uns selbst!“
 Ich glaube, Gott ist die letzte Instanz, die uns Menschen aufhalten kann? Wir selber können es nicht und schon gar nicht können wir uns selber von Schuld befreien! „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern! Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen“ heißt es im Vater Unser
Gott vergibt Schuld, schenkt Vergebung, schenkt Gnade. Die kann ich mir nicht selber schaffen.
Ich habe gelesen von einem Schild an einer Kirchentür in der Toscana: Niemand unter euch ist so schlecht, dass er nicht eintreten dürfte. Niemand von euch ist so gut, dass er draußen bleiben könnte!
Es gibt einen Punkt, da kann man gar nicht mehr sagen, wer letztendlich alles verursacht hat, wer denn nun schuld ist. Da rückt die Schuldfrage in den Hintergrund und es geht nur noch darum, gibt es eine Zukunft? Ich glaube, wer sich selber eingesteht, Fehler zu machen, schuldig zu werden, schuldig zu sein, begrenzt zu sein, dem kommt Gott nah. „Bitte, Gott, überlass mich nicht mir selbst!“ „Überlass uns nicht uns selbst!“
Micha, der Prophet, glaubt fest: „Du wirst mit uns Erbarmen haben und alle unsere Schuld wegschaffen; du wirst sie in das Meer werfen, dort, wo es am tiefsten ist.“ Gott wirft nicht uns ins Meer, sondern unsere Schuld.
Genau darin, letztendlich in seiner Liebe zu uns Menschen liegt die Veränderung, liegt unsere Kraft und der Mut, Neuanfänge zu wagen, angefangen mit der Bitte: Vergib mir, ich bitte dich um Entschuldigung!  
Die Fronten sind verhärtet…. Und dann, ob es der anstehende runde Geburtstag war oder der innere Druck, die Last, Mutter und Sohn kamen wieder zueinander. Wie genau? Wer den Anfang gemacht hat? Die Schritte aufeinander waren so schwer. Und sie wurden begleitet von einer großen Unsicherheit und Angst vor erneuter Zurückweisung, die Verletzungen hatten sich ja nicht einfach aufgelöst, die Frage nach der eigenen Schuld. Bitte, verzeih mir… So schwer, sich wieder in die Augen zu sehen, sehen zu wollen, zu können, mit allem, was in diesen Blicken drin liegt. Es tut mir leid, ich weiß, das war nicht richtig, ich habe einfach zugemacht, ich habe dich einfach nicht mehr verstanden…Bitte verzeih mir! Bis Vertrauen wieder da war, war es ein langer Weg, ja und die Gewähr dafür, dass es so bleibt, haben sie trotzdem nicht! Aber was sie haben, ist die Erfahrung, sich miteinander versöhnen zu können, die Erfahrung, wie die Bitte um Vergebung einen Neuanfang möglich machte.
„Bitte, Gott, überlass uns nicht uns selbst!“ Such uns, finde uns, vergib uns! Ich vertraue diesem alten Gott, er macht mir Mut, hilft mir, mich nicht damit zufrieden zu geben, wie es ist.

Meditation (nach Erich Fried):
Ich habe versucht, drüber hinwegzusehen
weil sich ja doch nichts ändert,
weil man wirklich nicht alles glauben sollte,
weil alles zwei Seiten hat,
weil die Dinge kompliziert sind,
weil man am Ende nur irre wird,
weil der Alltag mir genug abfordert,
ich habe versucht, drüber hinwegzusehen
hin und weg
hin und weg …
Ach, wäre ich blind, es wäre leichter!
Und Jesus sprach: Was willst du, dass ich für dich tun soll?
Der Blinde sprach zu ihm: Rabbuni, dass ich sehend werde.
Gottes Friede, der weiter ist als wir es fassen und begreifen können, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, Amen

Song of hope

Fürbitte:
Guter Gott, du gibst uns nicht auf. Du ringst um uns, richtest uns auf, machst uns frei für ein Leben in Liebe und Gerechtigkeit. Dafür danken wir dir.
Wir bitten dich für alle Menschen, die unter Schuld leiden und den Schritt zur Versöhnung nicht wagen. Nimm ihnen die Angst.
Wir bitten dich für alle Menschen, die wissentlich oder unwissentlich anderen schaden. Öffne ihre Augen und Herzen.
Wir bitten dich für alle Menschen, die die Hoffnung für diese Welt aufgegeben haben. Lass sie deinen Weg und Willen erkennen.
Wir bitten dich für alle Menschen, die durch Krankheit und Sterben gebeugt sind. Sei bei ihnen.
Guter Gott, suche uns, geh uns nach, finde uns, lass uns an eine gute Zukunft glauben und das tun, was wir dafür tun können, auch wenn uns unsere Schritte oft zu klein und zu unbedeutend erscheinen.
Vater Unser

So segne und behüte uns der barmherzige Gott, Amen

Gehe ich spazieren höre ich aus vielen Gärten hinter den Hecken geschützt, lautes Kinderlachen, planschen und Wassergeräusche. Ein Bad im Sommer ist einfach wunderbar. Es erfrischt und man fühlt sich schwerelos. Alles fällt ab. Die Hitze des Tages mit allem Schweiß wird abgewaschen. Die Gedanken werden wieder frei. Welch eine Wohltat. Es erquickt die Seele um ein altes Bild aus den Psalmen zu benutzen, was zum Baden wunderbar passt. Es ist heiß, als die Menschen in der Nähe von Jericho Johannes dem Täufer begegnen. Beziehungsweise ich glaube, sie mussten ja sogar eine ganze Strecke laufen um ihn zu treffen, war also durchaus mit Anstrengung verbunden.  Der Staub klebt am Körper, die Gedanken kreisen im Kopf ohne Perspektive ohne Halt, zu träge um etwas zu ändern, um klare Gedanken zu fassen. Johannes spricht von Buße und Umkehr, davon, das eigene Leben neu auszurichten. Die Menschen hören seine Predigt, doch ist da so viel Alltagsstaub der sie umgibt. So schwere Beine, so erhitzte Gesichter.  Und Johannes sagt: lasst Euch taufen, hier im Jordan. Gebt eurem Leben eine neue Chance. Spürt am ganzen Leib, dass Gott euch befreit. Die Menschen schenken ihm Vertrauen. Sie lassen sich taufen. Tauchen unter von Kopf bis Fuß. Erfahren, dass der Körper erfrischt und ihre Gedanken frei werden. Ich höre das Planschen der Kinder in ihren großen und kleinen Planschbecken und sehne mich danach, es ihnen gleich zu tun. Allen Staub abwaschen und neu ausgerichtet ins Leben gehen. Ich erinnere mich daran, dass ich getauft bin, sozusagen mit allen Wassern gewaschen. Mit jedem Bad im kühlen Nass werde ich daran erinnert: Ich kann neu starten. Jeden Tag.

Ihre/ eure Pastorin Dorothee Urhahn-Diel

 

Liebe Leser*innen,

am nächsten Sonntag, 5.7.2020 gibt es wieder einen Online-Gottesdienst, diesmal mit unserer Lektorin Britta Beermann und unserem Lektor André Platzke und Sigrid Hinrichs-Toben an der Orgel, https://youtu.be/fNB9qrZNvSg

Wir werden in der kommenden Zeit die Gottesdienste im Wechsel zwischen "Live und in Farbe" und Online auf Youtube feiern.Gerne bringen wir den Sonntagsgottesdienst als Brief auch zu Ihnen nach Hause. Melden Sie sich dazu im Kirchenbüro (Tel.: 2046880)

Gottesdienst in der St.-LEGO-lai-Kirche von Wittmund - ein klasse Video von den Kigokindern Tomke und Deike https://youtu.be/qpyQnQy-sHM

 

 Wir sind und bleiben im Glauben und im Gebet verbunden."Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben." Psalm 46,2

 Liebe Grüße, seien Sie behütet, 

im Namen des Kirchenvorstandes und meiner Kollegen Pastor Thomas Thiem und Dorothee Urhahn-Diel

Ihre, eure Martina Stecher

 

 

 

 

 

 

 

Losungen

Tageslosung von Sonntag, 05. Juli 2020
4. Sonntag nach Trinitatis
Freut euch und seid fröhlich im HERRN, eurem Gott.
Durch Christus Jesus, unsern Herrn, haben wir Freimut und Zugang in aller Zuversicht durch den Glauben an ihn.

Nächster Gottesdienst

Sonntag, 05.07.2020, 10:00
4.Sonntag nach Trinitatis -online
Sonntag, 12.07.2020, 10:00
5.Sonntag nach Trinitatis - live
Sonntag, 19.07.2020, 10:00
6.Sonntag nach Trinitatis - online
Sonntag, 26.07.2020, 10:00
7.Sonntag nach Trinitatis - live
Sonntag, 02.08.2020, 10:00
8.Sonntag nach Trinitatis - online

Impressionen

Ev.-luth. Kirchengemeinde St. Nicolai Wittmund